Für die Führungsschmiede der Graduate School of Logistics unterhielt sich unsere Koordinatorin Britta Scherer mit Vorstandsmitglied und Sprecher des Vorstandes Univ.-Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Michael Henke.
Du bist schon länger in mehreren Führungsrollen und hast die Entwicklung von Führung vom klassischen Top-Down-Ansatz zum agilen Management mit flachen Hierarchien miterlebt. Wie definierst du Führung in deinem heutigen beruflichen Kontext und welche Werte leiten dich?
Seit 2007 bin ich Führungskraft größerer Teams. Ich bin in einer extrem hierarchischen Struktur beruflich sozialisiert worden. Das fand ich eher bedrückend. Schon damals habe ich mir vorgenommen, es mal komplett anders zu machen.
Hierarchisch geprägte Organisationen waren 2007 immer noch der Standard, lange bevor New Work kam. Trotzdem habe ich damals die partizipative Führung gelebt. Ich möchte gemeinsam mit dem Team an der Erfüllung unserer Ziele arbeiten. Als Führungskraft muss man dennoch Ziele setzen und Orientierung geben, aber die Mitarbeitenden gestalten die Ziele mit und verstehen deshalb auch besser das Warum dahinter.
Mit partizipativer Führung und dem heutigen New Work-Ansatz können die Kompetenzen und Fähigkeiten der Einzelnen besser genutzt werden. So können wir agiler auf Herausforderungen reagieren und gezielt agieren. Heute prägt die Adaptive Organisation mein Führungsverständnis. Sie ist mehr als Führen, aber Führung spielt eine zentrale Rolle.
Es ist wichtig, dass wir ein gemeinsames Werteverständnis haben. Ich setze auf einen wertschätzenden Umgang miteinander, gegenseitiges ernstnehmen und wahrnehmen. Meine Basis ist ein vertrauensbasierter Führungsansatz. Ohne Vertrauen in mich als Führungskraft und ohne Vertrauen in meine Mitarbeitenden geht es nicht.
Darüber hinaus möchte ich persönlich einen Beitrag zur Wohlstandmehrung leisten. Bei aller ökonomischen, unternehmerischen Verantwortung, die ich in meinen Aufgabenbereichen trage, ist es mein Ziel, darüber hinaus den Wohlstand entlang der Wertschöpfungsketten zu vergrößern. Dieses Ziel integriere ich in meine Führung.
Welche Fähigkeiten braucht eine Führungskraft in einer zunehmend datengetriebenen, vernetzten und dynamischen Welt heute und in Zukunft?
Führung ist für mich ein Kreis, der keinen Anfang und kein Ende hat. Dieser Kreis besteht aus wahrnehmen, verstehen, Orientierung geben und wirksam werden.
Führungskräfte müssen ihre Umgebung beobachten, die Menschen und Zusammenhänge verstehen. Eine zentrale Fähigkeit ist Empathie. Wir müssen uns in Menschen hineinversetzen können und regelmäßig reflektieren, warum Prozesse auch mal nicht gut gelaufen sind. Aus wahrnehmen und verstehen resultiert Orientierung geben. Wo soll es hingehen? Warum verfolgen wir unsere Ziele?
Und im letzten Schritt müssen wir wirksam werden – in allen Facetten der Führung – auch im unternehmerischen Handeln. Wir tragen die Verantwortung für Kultur, Ertrag, Menschen und Zielerfüllung. Alle Aspekte müssen in Beziehung gesetzt werden.
Führung ist für mich ein lebenslanger Lernprozess. Das macht meinen Beruf so spannend. Ich sehe einen Generationenunterschied. Ein Fraunhofer-Institut hat Mitarbeitende jeden Alters. Die Graduate School oder auch ein Lehrstuhl sind noch stärker geprägt durch junge Generationen. Junge Menschen hinterfragen mehr. Heute brauchen Mitarbeitende mehr Kontext, wollen sinnstiftend geführt werden, aber brauchen dennoch klare Vorgaben. Das ist ein Spannungsfeld, in das man sich einfügen muss. Als Führungskraft muss man sich immer wieder auf neue Generationen einstellen und gleichzeitig dürfen wir die älteren Generationen nicht aus den Augen verlieren.
Hat dich deine Promotion oder auch deine Habilitation an der TU München auf deine Führungsrolle vorbereitet und wenn ja, wie?
Entlang der wissenschaftlichen Qualifikationsstufen lernt man sich im Detail mit Fragestellungen auseinanderzusetzen und sich selbst zu motivieren Themen weiterzuentwickeln. Wenn man Führung als lebenslanges Lernen begreift, sind das zentrale Voraussetzungen – immer wieder Hartnäckigkeit zeigen, Ausdauer beweisen, sich selbst reflektieren, mit neuen Menschen umgehen. Man sammelt über Jahre zentrale Erfahrungen. Insofern bereitet eine Promotion gut auf Führung vor – neben der fachlichen Qualifikation.
Du leitest die GSofLog und bist Doktorvater vieler Alumni und Stipendiat*innen. Welche Rolle spielt Führung im Rahmen der Promotionsbetreuung?
Ich sehe einen Doktorvater weniger als Führungskraft, sondern eher als Coach und Sparringspartner. Wir können die Rolle mit einem Trainer vergleichen. Die Promovierenden spielen auf dem Feld, treffen selbst Entscheidungen und ich gebe gelegentlich Tipps und Anweisungen von der Seitenlinie und kümmere mich um die Mannschaftsaufstellung. Wenn erforderlich, wechsle ich mich auch selbst als Trainerspieler ein.
Als Doktorvater sehe ich mich eher als jemand, der für Themen oder Themenfelder begeistert. Und auch hier findet ein Entwicklungsprozess statt: Ich entwickle mich selbst entlang des Promotionsprozesses vom Wissenden zum Lernenden. Zu Beginn weiß ich unter Umständen noch mehr als die Promovierenden, aber zum Abschluss der Promotion kann ich fachlich von den Promovierenden lernen, da sie viel tiefer in ihrem konkreten Thema drin sind als ich.
Warum ist die GSofLog – aus deiner Sicht – eine Führungsschmiede?
Die Graduate School of Logistics bietet eine einzigartige Möglichkeit, sich auf die Führungsrolle vorzubereiten. Einerseits ist es die Promotion selbst, die auf Führung vorbereitet, andererseits ist die Integration der Praxis ein zentrales Schlüsselelement. Die Promotionsstipendiat*innen managen ihr eigenes Projekt. Sie müssen Menschen kennenlernen, Teams begreifen, Daten einfordern, … All das sind wichtige Erfahrungen, die das eigene Führungsverhalten prägen.
Was verbindest du mit #LeadYourFuture?
LeadYourFuture ist für mich die Einladung, die Wohlstandswertschöpfung der Erde – und des Weltraums – bewusst, mutig und verantwortungsvoll zu gestalten. Das treibt mich an und daran arbeite ich heute und in Zukunft.
Viele Dank für das Gespräch.
Zum Gesprächspartner

Univ.-Prof. Dr. habil. Dr. h. c. Michael Henke
Sprecher des Vorstandes der Graduate School of Logistics
Prof. Michael Henke ist Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmenslogistik an der TU Dortmund und Institutsleiter am Fraunhofer IML. Er begann seine Karriere mit einem Studium zum Diplom-Ingenieur für Brauwesen und Getränketechnologie an der TU München. Anschließend promovierte und habilitierte er dort an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. Während und nach der Habilitation war er unter anderem für die Supply Management Group SMG in St. Gallen tätig. Von 2007 bis 2013 forschte und lehrte Michael Henke als Professor an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht.
