Irrglauben und Missverständnis

Bis zu 98 % der Menschen glauben, sie seien empathisch. Stimmt das? Die Mehrheit überschätzt ihre eigene Empathie deutlich – im Schnitt um 24 Prozentpunkte. Gehen wir dem Thema auf den Grund.

Empathie bedeutet Gefühle, Gedanken und Absichten anderer Menschen wahrzunehmen, zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren. Ob du selbst empathisch bist, erkennst du an messbaren Verhaltensmustern – nicht an deinem Bauchgefühl. Denn: Selbsteinschätzung ist bei Empathie extrem unzuverlässig, wie wissenschaftliche Forschung zeigt

Empathie – Eine abhängige und sozial selektive Skala

Subjektive Selbstaussagen wie „Ich bin ein guter Mensch“ oder „Ich fühle alles mit“ haben wenig mit Empathie zu tun. Ebenfalls sagen Freundlichkeit, Harmoniebedürfnis, gute Absichten oder Verständnis wenige über Empathie aus.

Bei Empathie geht es viel mehr darum Gedanken, Motive und Perspektiven anderer zu verstehen, Gefühle anderer wahrzunehmen (nicht sie selbst zu fühlen) und unausgesprochene Signale zu erkennen. Wer diese Fähigkeiten beherrscht, kann Beziehungen stärken, Konflikte entschärfen und tatsächlich wirksam führen.

Dabei ist Empathie nie ein Zustand, wir sprechen viel mehr von einer Skala. Und genau deshalb ist sie tagesformabhängig, situationsabhängig und sogar personenabhängig. Empathie ist ein dynamischer Prozess, kein Persönlichkeitsmerkmal, das immer gleich funktioniert.

Sind wir müde, gestresst, überlastet oder hungrig, sinkt unsere Empathie messbar. Das Gehirn schaltet in einen Selbstschutzmodus, weil wir so weniger Kapazitäten verbrauchen – zumindest für andere. Fakt ist auch, Empathie ist sozial selektiv. Mögen wir einen Menschen oder haben wir sogar Gefühle für eine Person, reagieren wir empathischer. Das hat nichts mit Moral zu tun, sondern ist ein neuropsychologischer Mechanismus. Dieser ist auch für das automatische Absinken von Empathie bei Konflikten verantwortlich.

Führungskräfte, fangt an zu trainieren!

Die Frage ist, wie empathisch können Führungskräfte unter diesen Bedingungen sein. Sind Führungskräfte nicht per se gestresst, unter Druck und oft auch müde? Empathie lässt sich beeinflussen und ist damit trainierbar. Sie ist eher wie ein Muskel und kein Talent. Als Führungskraft kann man Empathie bewusst aktivieren.

  • Die effektivste Methode ist ein Perspektivenwechsel. Wie könnte die Situation aus Sicht der anderen Person aussehen? Damit nimmt man als Führungskraft bewusst die Emotionen und Gedanken der Teammitglieder wahr.
  • Aktives Zuhören: Dazu gehört auch, Pausen auszuhalten, nachzufragen und das Gehörte in eigenen Worten zu spiegeln. Wichtig ist, nicht sofort Lösungen anbieten, sondern erst die Ausgangslage zu verstehen.
  • Ohne Selbstregulation keine Empathie: Gestresst von einem Meeting ins andere und direkt den Sprint auf alle übertragen, ist nicht empathisch. Kurz durchatmen und sich auf den Termin bzw. die Personen einlassen, auch achtsam aktiv dabei sein, ist empathisch.
  • Empathische Kommunikation: Hier wird verbal sichtbar gemacht, was wahrgenommen wird. Ein Beispiel: „Ich höre, dass dich das belastet.“ So wird das Vertrauen gestärkt.
  • Ohne Fremdbild bleibt Empathie ein Blindflug, deshalb ist regelmäßiges Feedback Gold wert.

An die Führungskräfte (der Zukunft):

Es sind fünf einfache Schritte, die ihr in Gespräche einbauen könnt, um eure Empathie zu skalieren. Fang gleich heute an, zu trainieren. Je häufiger ihr wiederholt, desto stärker wird der Muskel.