Jahrelang galt Spezialisierung als Königsweg. Wer erfolgreich sein wollte, sollte sich auf ein Gebiet konzentrieren, Expertise aufbauen und dort immer tiefer eintauchen. Diese Logik hat unsere Bildungswege, Karrieren und Organisationen geprägt.
Doch viele der entscheidenden Herausforderungen unserer Zeit halten sich nicht an Fachgrenzen. Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Informatikthema. Die Energiewende ist nicht nur ein Thema für Ingenieur*innen. Der demografische Wandel ist nicht allein eine Frage der Sozialpolitik.
Die wirklich großen Herausforderungen entstehen dort, wo Technologie, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufeinandertreffen. Gerade deshalb erleben wir die Renaissance des Generalisten (m/w/d). Denn während Spezialist*innen immer tiefer in ihr Fachgebiet vordringen, braucht es Menschen, die Zusammenhänge erkennen, unterschiedliche Perspektiven verbinden und zwischen Disziplinen übersetzen können.
Interessanterweise verstärkt KI diesen Trend noch. Fachwissen wird nicht wertlos, aber es wird immer leichter zugänglich. Die eigentliche Fähigkeit der Zukunft könnte darin liegen, Informationen aus unterschiedlichen Bereichen sinnvoll zu verknüpfen, denn die Informationen selbst sind jederzeit in großen Mengen zugänglich. Die erfolgreichsten Menschen sind also nicht diejenigen, die auf alles eine Antwort haben, sondern diejenigen, die die richtigen Fragen stellen.
Are you T-shaped?
Je komplexer die Welt wird, desto wertvoller werden Menschen, die Brücken zwischen Disziplinen schlagen. Dabei müssen wir uns von alten Denkmustern lösen, in denen Generalisten Menschen sind, die von allem ein Bisschen wissen und nichts richtig. Die heutige Renaissance fordert vielmehr das sogenannte T-Shaped-Profil.
Der horizontale Balken des T: Breites Allgemeinwissen, Neugier, Flexibilität und die Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen (Generalist).
Der vertikale Stamm des T: Eine oder zwei tiefe Kernkompetenzen, in denen die Person echte Ergebnisse liefern kann (Spezialist*innen).
Unsere Arbeitswelt ist extrem volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig. Generalisten sind anpassungsfähig und lernen schnell Neues. In modernen Unternehmen müssen Teams beispielsweise aus IT, Design, Marketing und Finanzen zusammenarbeiten. Der Generalist fungiert hier als „Übersetzer“, der die Sprache aller Abteilungen spricht und das große Ganze im Blick behält.
Bevor sich jetzt alle in „Shape“ bringen, es braucht natürlich weiterhin Spezialist*innen. Aber Führungskräfte kommen nicht umhin, sie stehen an der Schnittstelle zwischen Chefetage (Strategie) und Team (Operations). Sie müssen die tiefe Fachsprache ihrer Expert*innen verstehen und sie gleichzeitig in die übergeordnete Unternehmensstrategie einbetten können.
Ein stabiles T-Profil baut man dabei von unten nach oben auf. Wir beginnen also als Spezialist*innen, sammeln tiefe Fachkompetenz und darauf aufbauend erarbeiten wir uns Stück für Stück den horizontalen Balken.
T-förmige Zukunft
Wenn sich Kompetenzprofile verändern, müssen sich zwangsläufig auch Karrierewege verändern. Innovationsgetriebene Tech- oder Digitalunternehmen sowie Großkonzerne bieten bereits heute die sogenannte „Laternenkarriere“ oder die „Mosaik-Laufbahn“ an. Hier kann zwischen Fach- und Führungspositionen gewechselt werden. In agilen Teams bestimmen Projektphase und Lebenssituation über fachliche Vertiefung oder strukturelle Führungsverantwortung.
Grundvoraussetzung ist hier aber in jedem Fall das T-Profil sowie ein ganz entscheidendes Umdenken: Warum sollte ein*e gute*r Manager*in freiwillig in eine Expert*innenrolle wechseln, wenn dies als Statusverlust wahrgenommen wird? Die Antwort: Es gibt keinen Statusverlust. Unterschiedliche Rollen schaffen unterschiedlichen Wert. Sie sind nicht höher oder niedriger. Eine Spezialistin löst Probleme. Ein Generalist verbindet Menschen, Ideen und Systeme. Eine Führungskraft sorgt für Richtung und Entscheidung. Keiner dieser Beiträge ist per se wichtiger als der andere.
Zukunftsfähige Organisationen brauchen Spezialist*innen, Generalisten und Führungskräfte. Der Fehler vieler Unternehmen besteht darin, diese Rollen in eine Rangfolge zu bringen. Unternehmen, die im dynamischen Wandel bestehen wollen, dürfen Karrierepfade nicht mehr als Einbahnstraßen bauen, sondern müssen Ökosysteme schaffen, in denen T-Shaped-Talente und flexible Laternenkarrieren die Brücken in die Zukunft schlagen.
Für den Menschen von morgen bedeutet Zukunftskompetenz nicht, eine einzige Sache bis zur Perfektion zu wiederholen, sondern die eigene Vielseitigkeit mutig als Stärke zu begreifen – als das unersetzbar menschliche Bindeglied in einer digitalisierten Welt.

Die Autorin:
Britta Scherer ist die Leiterin der Geschäftsstelle der Graduate School of Logistics und Executive Director Communications & Strategy. Für die redaktionelle Reihe „Mensch.Technologie.Zukunft“ beleuchtet sie unterschiedliche Entwicklungen, Trends und Themen, die Industrie und Wissenschaft aktuell in Logistik und IT beschäftigen.
